Papiermühle Zwönitz

Pappen für Sitzmöbel und Schuhsohlen

Wieder einmal kommen wir zu spät. Die Anreise aus nördlicher Richtung war zum Hindernisrennen mit Umleitungen, verpasstem Links- oder Rechtsabbiegen, Fahrspureinengungen und so weiter geworden. Jetzt rollen wir endlich auf einen etwas außerhalb des eigentlichen Zentrums der Stadt Zwönitz gelegenen Hof. Sorgfältig gepflastert liegt er innerhalb eines Gebäudekomplexes aus sehr altem, kenntnisreich restauriertem Fachwerk. Die Häuser drücken sich an einem Berghang. Das an einen Vierseithof erinnernde Ensemble ist bis auf einige auf dem sauber gepflegten Hof parkende Autos leer. Wir waren telefonisch angemeldet und hatten gemeint, auf eine Besuchergruppe zu stoßen. Aber es ist nichts zu hören außer dem Rauschen des Mühlbachs, der unmittelbar hinterm Haus entlang fließt.

Der Mühlbach ist ein Nebenarm des Flusses Zwönitz. Sie zieht sich von den nahen Geyerschen Wäldern durch die Höhen des Erzgebirges Richtung Chemnitz und bildet dabei ein sanftes Tal. Dabei bleibt die Zwönitz auf ihren rund 40 km kein nur freundliches Wässerchen. Sie hat viel Kraft und sie lässt sich hören. „Zwönitz“ bedeutet „Die Klingende“. Kurz vor der Metropole Chemnitz vereint sie sich mit der ihr an munterer Wildheit wenig nachstehenden Würschnitz. Von da ab heißt der Flusslauf selbst Chemnitz.

Wiewohl: Bis ins 16. Jahrhundert hinein nannte man auch das heutige Bett der „Klingenden“ noch die „Chemnitz“. Dann ging dieser Name am Oberlauf verloren. Was geblieben ist: die Kraft, mit der die Zwönitz seit Jahrhunderten Mühlenräder antreibt. Die Gegend war ein sehr frühes Gewerbegebiet. Heute lädt sie den Besucher zu romantischen Wanderungen rund um die Städte Zwönitz oder Thalheim ein. Die beiden Kommunen haben sie mit Attraktionen wie die 1992 ummauerte Zwönitzquelle aufgewertet. Hier läßt es sich erholen!

Bis in die Zeiten der DDR hatte aber das Gewerbe hier das Sagen und dabei ist es natürlich in bescheidenerem Umfang geblieben. Als gelerntem DDR-Bürger ist meine spontane Assoziation mit Zwönitz der begriff „Smaragd“. Das war zu meiner Schulzeit in den 60er Jahren das erste Koffertonbandgerät, hergestellt im VEB Meßerätewerke Zwönitz, ein riesiger Kasten, den nur der Schuldirektor persönlich mit in den Unterricht brachte. Das Meßgerätewerk war nach dem Krieg aus Siemens & Halske Niederlassung hervorgegangen, die man hier kriegsbedingt nach Zwönitz ausgelagert hatte. Nachfolgefirmen stellen inzwischen weltweit gefragte Medizintechnik her.

In Zwönitz gab es eine Papiermühle, die vor 400 Jahren von ihrem Betreiber weg vom Ufer der wilden Zwönitz weg an den heutigen Stadtort verlegt wurde. Die Verbindung bildet der gefällereiche Mühlbach. 1568 wurde diese Papiermühle erstmals urkundlich erwähnt.

„Was wir hier sehen, ist der originale Maschinenpark einer Pappenfabrik mit dem technischen Stand des 19. Jahrhunderts“, erklärt Museumsleiter Eckhard Stölzel. „So wie die Mühle hier steht, hat sie von 1847 bis 1973 ununterbrochen gearbeitet.

Stölzel kennt sie noch aus DDR-Zeiten. „Da haben hier etwa zehn Leute gearbeitet,“ berichtet er. In den 70er Jahren waren es nur noch mit dem Besitzer Eugen Wintermann und seiner Frau vier. „Die Mühle blieb bis zum Verkauf privat.“ Das findet Stölzel hervorhebenswert. Woran mag es gelegen haben? Waren die Produkte nicht kombinatsfähig?

Im Erdgeschoss zwei große Arbeitsräume, dunkler Fußboden aus dicken Holzdielen und Zement, wenige nicht sehr große Fenster, teils sind es nur Oberlichte. Elektrisches Licht gibt es noch nicht lange im Haus. Hier unten in den Arbeitsräumen macht alles einen düsteren Eindruck. Die Arbeit war körperlich schwer, man war der ständigen Nässe und im Winter der Kälte ausgesetzt. Rheuma plagte die Papiermüller.

Der Rohstoff für die Pappenproduktion war Altpapier. Es wurde über den mit Wasserkraft betrieben Fahrstuhl in den ersten Stock transportiert, dort von Hand zerkleinert und dann von oben durch eine Öffnung im Fußboden direkt in den darunter stehenden Kugelkocher geworfen. Er fasst 800 kg. Hier weichte der Rohstoff mit Wasser vermengt auf. Morgens um 5 Uhr, erzählt Stölzel, begann das Entladen des Kugelkochers. Die schwere sogenannte Kollermasse wurde wiederum per Hand zur Grobmahlung in den Kollergang geschaufelt, eine Maschine angeschafft 1904. Von dort wanderte sie per Förderband weiter in den Holländer zur Feinmahlung. Der so entstandene Brei wurde auf einer mit Messern besetzen Walze noch einmal gemahlen und lagerte bis zur Weiterverarbeitung in einem gemauerten, nicht abgedeckten Trog. Stoffbütte heißt das etwa brusthoch gemauerte Becken mit Rührrad und Schöpfbechern.

Der Museumsleiter setzt nun das Wasserrad im Mühlbach in Gang und man kann sehen, wie der Brei mit einem Schöpfrad wieder aus dem Trog gehoben und Schicht für Schicht auf die Handpappenmaschine aufgetragen wird. Die Handpappenmaschine stammt aus des Chemnitz, erbaut 1970, voll funktionstüchtig.

Der Papiermüller wusste aus der Erfahrung heraus, wann die richtige Dicke erreicht war, dann ertönte ein Glöckchen und die Pappen wurde zum gängigen Format von 80 x 100 cm geschnitten.

Die Dicke der Pappe richtete sich wiederum nach der Bestellung. Die Papiermühle lieferte Hart- und Graupappen an Firmen in der Umgebung und darüber hinaus. Sie waren begehrt für Sitzmöbel oder zum Beispiel für die Fertigung von Schuhsohlen und anderem. Ein wichtiger Zweig waren auch die Hersteller von Pappeimern für Lebensmittel, für Farben usw. Die ausrangierten Pappeimer wurden in den DDR-Haushalten oft zum Kohlenholen benutzt. Für jedes Produkt bedurfte es einer anderen Stärke der Pappe.

Die dafür vorgesehenen tropfenden Bögen kamen nach dem Schneiden unter eine Nasspresse. Zum endgültigen Trocknen hängte man die Pappen auf den Dachboden. Die Trocknungsdauer hing von der Witterung und Stärke der Pappe. Im Winter fegte es den Schnee auf den Boden und die Pappen gefroren.

Abhilfe brachte endlich die modernste Maschine im Haus, das „Walzwerk“, angeschafft 1938 für 7.000 Reichsmark. Der Besitzer musste dafür einen Ratenvertrag abschließen. Die letzte Rate wurde 1966 in Höhe von 200 Mark der DDR abgezahlt.
„Eugen Wintermann war korrekt und fleißig. Dieses Klima prägte den ganzen Betrieb“, berichtet Eckehard Stölzel. Die Wintermanns sehr gläubige Menschen. Er versah sogar das Amt eines Prediger in der Landeskirchlichen Gemeinschaft. „Dort, wo die Autos parken war, ein Nebengebäude mit einem Betsaal“, erinnert sich der heute 55jährige Stölzel, der ihn noch persönlich kennengelernt hatte. Mag diese feste „Kirchlichkeit“ auch eines der uns heute unerklärlichen Gründe gewesen sein, die staatliche Stellen von der Enteignung abgehalten haben?
Irgendwann konnten die Wintermanns aus Altersgründen nicht mehr und verkauften das Gelände mit der Mühle 1974 an Stadt. Nach neujähriger Umbauzeit eröffnete 1984 das Museum. Alle Maschinen laufen noch. Einmal im Jahr ist eine Großreinigung nötig. Nicht nur das macht dieses technische Schaudenkmal einmalig.

Im Hause gibt in den ehemaligen Wohnräumen eine Ausstellung Zwönitzer Handwerk. Dort sieht man eine „Rennwolf“-Sammlung. Rennwölfe sind Schlitten eines Typs, den es nur in Zwönitz gab. „Von 1906, da begann der Bau dieser Schlitten, bis zur Wende sind die Leute mit dem Rennwolf zum Einkaufen gekommen“, erklärt Stölzel, der als junger Mann im Handel gelernt hatte.

Außerdem gibt es oben unter dem Dach der Mühle das Künstleratelier Anke Henkel-Ludwig – Malerei auf handgeschöpftem Bütten und entsprechende Kursangebote.

Moritz Jähnig, Fotos: Jürgen Glöckner

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