Leipzig: „Das Rheingold“ von Richard Wagner, Premiere 04.05.2013

«Falsch und feig ist, was dort oben sich freut», klagen die Rheintöchter, als die Götter­familie endlich stolz geschwellter Brust mit ihren noch originalverpackten Möbeln ins neu errichtet Eigenheim einzieht.  Zu Frickas Überraschung nennt Wotan die mit Ach und Krach bezahlte Burg „Walhall“. Alberich bleibt verletzt und beraubt ein Platz irgendwo im Untergrund. Loge blickt der göttlichen Familienprozession sinnend hinterher: „Fast schäm‘ ich mich, mit ihnen zu schaffen!“ Während dieses momentanen Aufstiegs, zu dem das Gewandhausorchester musikalisch wie entfesselt und donnernd auftrumpfend spielt, passiert dann ein solches suggestives Moment, auf das ich in den 160 Vorstellungsminuten wartet. Man hört und ahnt, dass der Aufstieg den  Abstieg bedeutet.

Die Künstlichkeit von Wotans Konstruktionen, Liebe, Verblendung, Manipulation, Übergriff und letztlich das Scheitern sind die ewigen Lebensthemen, die Richard Wagner im „Ring“ bearbeitet. Erzählerisch grandios hat er alles im „Vorabend zum Bühnenfestspiel“ angelegt. Inzwischen ist die mediale Aufgeregtheit darüber, ob den jedes Musiktheater im Jubiläumsjahr sich einen eigenen „Ring“ schmieden solle, statt – aus rein künstlerischen Gründen natürlich –  regionale Synergien zu suchen, etwas abgeklungen. Das mag mit den überraschend vielfältigen Einsichten und in jeder Hinsicht erstaunenswerten Ergebnissen auf den vielgescholtenen Provinzbühnen zusammenhängen.

Freilich sind das alles keine politischen „Ring“-Inszenierung­en aus den Werkstätten des 20. Jahrhunderts.  Viele dieser Produkte wurden unter einer neuen Regieära zu Sperr­müll erklärt. Wie vorschnell wir da mit unseren Urteilen sind, wird die Geschichte zeigen. Den Älteren bleiben Erinnerungen an ein Theater, in dem sich szenische Deutung von „Kapitalis­muskritik“ mit theatralischer Sinnlichkeit ver­band. Ruth Berghaus in Frankfurt (Main) und Joachim Herz in Leipzig, viele andere. Richard Wagners Ring eignet die Kritik an den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnis­sen. Aber das rückt man nicht wie vielleicht vor 40 Jahren in den Vordergrund. Wagner wird aus anderen Blickwinkeln betrachtet und gespielt. Die heutige Dirigentengeneration auch an kleineren Häusern drängt auf den obligaten „Ring“  im Spielplan, vielleicht um sich damit für Bayreuth zu empfehlen. Ihre Intendanten, alle auf der verbissenen Suche nach dem Besondern, gehen da gern mit. – Und die Opern Richard Wagners verkraften auch die gesuchteste Originalität der Regiekonzepte und blühen in neuen Farben auf den Bühnen weiter.

Bleiben wir bei Leipzig, das sich viel zu lange gegen eine Neuinszenierung des „Ring“ im Haus am Augustusplatz gesträubt hat. Die Diskussion über das Warum fortzusetzen, ermüdet. Jetzt entsteht ein neuer Leipziger Nibelungen-„Ring“, den komplett zu erleben man sich nach dem „Vorspiel“ freuen darf. Viele in der Stadt haben das besonders für dieses Jubiläumsjahr heiß herbeigesehnt. Entsprechend breitete sich am Premierenabend auch so etwas wie Bayreuth-Feeling aus: Längere Kleider und viele rote Krawatten, hin und wieder ein Smoking. 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn mit Sektglas und Brezel auf dem Augustusplatz stehen – das Leben ist schön geworden.

Dabei ist von vornherein klar, dass eine jede Neuinszenierung in Leipzig für die „Alteingesessenen“ niemals an den legendären Herz-„Ring“ heranreichen würde. Es wird für eine ganz neue Generation gespielt und für ein Publikum, das in der Mehrzahl nicht DDR war. Regie braucht sich nicht mehr rituell zum Antifaschismus zu bekennen. Rosamund Gilmore bietet ihre total entspannte Sicht auf den Welttheaterstoff und setzt ihn mit ihren handwerklichen Mitteln originell um. Gilmore kommt vom Tanz. Vorgänge löst sie also gern choreographisch.

 Wenn Alberich mit Hilfe des gestohlenen Goldes ein finsteres Imperium auf dem Rücken übel geknechteter Grubenarbeiter aufbaut, dann wird das rein tänzerisch gestisch dargestellt. Damit erreicht sie nicht unbedingt die beängstigende Wirkung, die in der Musik liegt. Manche Allüre birgt die Tendenz zu ungewollter Komik. Die Regisseurin lässt eine Gruppe von Tänzern, genannt „Mythische Elemente“, die Handlung kommentieren. Die Mythischen Elemente vertanzen die Umbauten und füllen vor allem die Zwischenspiele optisch. Ob das nun sein muss, ob ich nicht als Zuschauer des Innehaltens bedarf, sei anheimgestellt. Tänzer, auch wenn sie sich zurücknehmen, drücken durch ihre trainierte Ausstrahlungskraft den Sänger leicht in den Hintergrund.

Für die Inszenierung gilt, dass der Zuschauer immer etwas sieht, aber nichts Genaues. In dem Maße, wie sich die Regie auf die bewegten Bilder konzentriert, bleiben die menschlichen Details, feinen Beziehungen der Figuren untereinander, die mit ihr Schicksal bedeuten, ungenau bis beliebig.
Das Bühnenbild (Carl Friedrich Oberle) und die Kostüme (Nicola Reichert) bauen mit sehr romantischen Elementen den Rahmen, der für eine jeder der im 19. Jahrhundert beliebten Zauberopern taugen würde. Sehr wirkungsvoll ist Wasserbecken, in dem die Rheintöchter den  Alberich so tödlich verletzen. Danach wird das Wasser abgelassen und es entsteht die traditionelle Dreiebenen-Bühne des Mysterienspiels. Um in das Reich der Nibelungen zu kommen, müssen die Götter Wotan und Loge sich durch eine Bodenklappe hinab bequemen.

Vom Orchester her war „Das Rheingold“ an der Oper Leipzig ebenfalls eine Überraschung auf Grund der wunderbaren, mutig pathetische Musizierweise, zu der Ulf Schirmer das Gewandhausorchester führt. Er geht anfangs mit gemessenem Tempo voran, was er mehr und mehr steigert. Schirmers Wagner-Klang besteht aus sicher gesetzten Effekten, die das motivischen Flechtwerke und die Ideenvielfalt der Musik ins rechte Licht rücken. Dabei scheut er den dicken Farbauftrag nicht, spielt Theatermusik. Wir erlebten ein sehr ausgewogenes, gutes Sängerensemble, bei dem es am Premierenabend keine Ausfälle nach unten oder oben gab. Einprägsam das Erscheinen Erdas (Nicole Piccolomini) und vor allem die Dispute Alberich (Jürgen Linn), Wotan (Tuomas Pursio), Loge (Thomas Mohr) in der Vierten Szene.

Die Premiere von Richard Wagners „Rheingold“ war ein freudige Erwartungen auf die weiteren Teile weckendes Musiktheaterereignis.