Leipzig und Wien: Beethoven-Plastik und Beethoven-Fries

„Nein“, sagt der Aufsichtsführende leise, „sie fotografieren hier nicht“.

Der Aufsichtsführende ist der einzige Mensch, den ich im untersten Ausstellungsraum der Wiener „Secession“ treffe, nachdem ich in dem weltberühmten Kunsttempel über eine schmale Stiegen in den Keller gelangt bin. Hier unten ist der von Gustav Klimt geschaffene legendäre Wandfries im Original zu sehn. Vor zehn Jahren hatten viele kluge Leute in Leipzig seinen Namen im Mund geführt, als es um den dortigen Museumsneubau und den nicht ganz freiwilligen Umzug von Max Klingers Beethoven-Plastik vom Gewandhaus in den neuen Standort am Sachsenplatz ging.

Der Maler Gustav Klimt, dessen 150. Geburtstags Wien und die Kunstwelt in diesem Jahr gedenken, hatte das mannshohe Bildwerk ursprünglich für eine für damalige Begriffe hoch moderne Präsentation des Klinger-Beethoven in Wien konzipiert. Heute funktioniert die Figur selbst als Identifikationsstück der Leipziger Kunstszene und thront im Klinger-Saal des Museums der bildenden Künste Leipzig. Noch immer mäkeln manche, dem Beethoven fehle die rechte Umgebung. Erinnerlich ist ein bizarrer Rechtsstreit der Architekten des Museumsneubaus mit der Messestadt als Bauherrn im Jahr 2003. Die Architekten Hufnagel, Pütz und Rafaelian hatten in ihrem Raumkonzept Eichendielen festgelegt. Die Stadt wünschte einen Terrakottabodenbelag und setzte sich damit schließlich vor Gericht durch. Wuchtig und triumphierend thront das Genie in der ihm von Max Klinger aus Marmor und Elfenbein geschenkten, drei Meter hohen Gestalt seinem Saal mit Steinfußboden, die Wände zeitlos grün.

Secession
Vereinigung Bildender KünstlerInnen Wiener Secession
Friedrichstraße 12, 1010 Wien
Tel.: +43 -1 – 5 87 53 07-10
www.secession.at
Öffnungszeiten
Di – So, 10.00 – 18.00 Uhr
Führungen Beethovenfries
Sa, 15.00 Uhr
So, 11.00 Uhr
 
Der Wand-Fries, der vor über 100 Jahren von Gustav Klimt gemalt worden war, hängt 600 Kilometer entfernt und gut bewacht in Wien. Wenn ich im Januar 2012 mit ihm und dem Aufsichtsführenden allein auch bleibe – 1902 strömten Tausende in das schöne neue Secessionsgebäude in der Friedrichstraße. Das Fries-Monument befand sich im Ausstellungsraum neben dem zentralen Saal in dem das Beethoven-Monument stand. Durchbrüche in der Wand erlaubten den Besuchern, unter dem Wandfries die Plastik im Hauptsaal zu sehen. Beispielhaft vollendete so die XIV. Ausstellung der Vereinigung Bildender Künstler Österreichs Secession das Gesamtkonzept der Secessionisten: das Zusammenspiel von Raum, Skulptur und Wandgestaltung.

Seit 1898 veranstaltete die von Gustav Klimt, dem Architekten Josef Hoffmann und vielen anderen gegründete Gruppe „Secession“ spektakuläre Jahresausstellungen, die die damalige Moderne vorstellten und die gezeigten Kunstwerke käuflich anboten. Die Schau 1902 machte eine Ausnahme. Sie diente der Verherrlichung Beethovens. Ihre Arrangements entsprachen dem Trend der zeitgenössischen Kunst.

Gustav Klimt huldigte mit seiner Arbeit in Sonderheit Beethovens 9. Symphonie oder besser der Interpretation, die Richard Wagner ihr gab. Sein Wandgemälde misst 34 Meter und ist 2 Meter hoch bemalt mit einem Zyklus, der den Mythos der Menschheitsentwick­lung darzustellen sucht. Die Apotheose dieser idealisierten Entwicklung: ein Paar „im Kuss vereint“, wie der Dichter schrieb. Aber nicht in irgendeinem, sondern dem Kuss der „ganzen Welt“. Dichtung Schiller, Vertonung Beethoven.

Ob der Fries für die Ewigkeit gedacht war oder nur ein schneller Wurf, der auf einmalige Wirkung zielte und vor dem Aufbau der nächsten Ausstellung abgerissen werden sollte? Die Zeitgenossen waren von ihm stark beeindruckt. So gaben die Veranstalter wohl schnell den Gedanken eines Abrisses auf. 1903 ließ ein Sammler den Wandfries aus dem Gebäude sorgfältig abtragen. So blieb er erhalten und kann heute in besagtem stillen Raum in der Secession besucht werden.

Museum der bildenden Künste Leipzig
Katharinenstr. 10, 04109 Leipzig
Tel.: 03 41 – 2 19 99-42
www.mdbk.de
Öffnungszeiten
Di, Do – So, 10.00 – 18.00 Uhr
Mi, 12.00 – 20.00 Uhr